Skandinavien à discrétion Teil 2

Freitag, 4. September – Wanderung in der Flösserrinne

Heute fahren wir zum Wanderparkplatz für die Wanderung in der alten Flösserrinne. Wir bezahlen ein Parkticket für 24 Stunden. Ich entdecke in meiner Kniekehle noch eine kleine Zecke, die Urs mir gut entfernen kann. Da bin ich froh, denn meine letzte skandinavische Zecke bereitete mir eher Probleme und war riesig. Jetzt sind wir bereit für die Wanderung und hoffen, dass Urs Fuss mitmacht. Im Rucksack nehmen wir eine Wasserflasche und Darvida und Apfelringe mit. Natürlich sind auch die Regenschütze dabei. Nun sind wir gespannt, was uns erwartet.

Zwischen 1952 und 1957 wurde die gut 4 km lange Flösserrinne in Handarbeit gebaut. Der Anlass für den Bau war der Bau des Stensfoss Kraftwerks. Es veränderte die Wasserführung der Otra so stark, dass die traditionelle Holzflössung zwischen Beholden und Steinsfossen nicht mehr möglich war. Um den Transport der Baumstämme dennoch zu sicher, entstand die Tommerrenna als alternative Strecke. Sie verläuft auf über 2500 Holzböcken, führt durch Felstunnel, über Schluchten und sogar quer über die wilde Otra. Bis Ende der 1070er Jahre rauschten dann tatsächlich Baumstämme durch diese hölzerne Rinne. Im Laufe der Jahre und des Fortschrittes moderner Transportmittel wurde die Flösserei langsam überflüssig. 1981 passierte das letzte Stück Holz die Strecke. Danach begann sie zu verfallen. Lokale Initiativen setzten sich für die Erhaltung ein und heute ist sie ein beeindruckendes Kulturdenkmal, das jährlich Zehntausende besuchen. Es macht Spass durch die Rinne zu wandern. Wenn Leute entgegenkommen, muss man sind an den Rand drücken, aber das funktioniert tipptopp. Zwischendurch gibt es Ausstiegsmöglichkeiten, aber nicht sehr viele. Wir kommen über Hängebrücken, passieren den Fluss und schaffen es bis zum Tunnel. Ist das stockdunkel hier drin! Ohne Taschenlampe würde man nichts sehen. Wir sind schlau und haben diese mitgenommen. Man muss sich bücken, (1,30 m hoch) denn aufrecht stehen können Urs und ich nur an wenigen Stellen. Der Tunnel ist ca. 100 m lang. Auf der anderen Seite angekommen wandern wir noch bis um die nächste kleine Biegung, danach kehren wir wieder um. Wir laufen wieder durch den Tunnel und dabei stösst sich Urs den Kopf an. Es tut ihm weh und wir hoffen, dass es bald wieder gut. Ist. Ganz in der Nähe des Tunnels ist ein Picknickplatz, der einzige, den wir gesichtet haben. Ein Holztisch mit Blick auf die Hängebrücke über den Fluss lädt zum Verweilen ein. Wir essen unsere Darvida und Apfelringe. Wir brechen wieder auf und wandern zurück. Die Sonne hat uns heute auf dieser Wanderung begleitet und das war schön. Urs Fuss ist froh zurück zu sein. Ich koche ein Risotto mit Lauch, Speckwürfeli und Steinpilzen. Es schmeckt super! Nach dem Essen und Aufräumen spielen wir ein Spiel und diesmal gewinnt Urs. Dies tut ihm sicher gut! Im Anschluss bearbeite ich noch Fotos und Urs liest in seinem Buch. Das war ein schöner und erlebnisreicher Tag!

Samstag, 5. September 2026 – Im Setesdalen

Für heute haben wir zwei Schotterstrassen aus dem Offroad-Atlas Skandinavien herausgesucht. Man kann diese zwei Abschnitte miteinander kombinieren. Wir fahren durch Feuchtgebiete, an Wäldern mit moosbedecktem Boden vorbei. Urs entdeckt noch Pilze am Wegrand, die ich natürlich auf einem Bild verewige. Am Ende der Ersten stehen wir plötzlich vor einem aufgestellten portablen Tor. Vielleicht wurde dies wegen der Tiere aufgestellt. Urs bemüht sich dies aufzuschliessen und schafft es. Nur das Verschliessen entpuppt sich als schwieriger. Einigermassen schaffen wir es und sind bald auf einer Asphaltstrasse. Kurze Zeit später biegen wir in die zweite Schotterstrecke ein. Sie führt uns an Seen, Mooren und wenigen Häusern vorbei. Wir fahren weiter zu den Stromschnellen Syrtveit. Da kommen zwei Schlauchboote und wir beobachten, wie sie sich hinuntertreiben lassen. Mir wäre nicht wohl bei der Sache und auch einigen Touristen in den Booten anhand ihrer Schreie anscheinend auch nicht. Die Guides meistern die Sache aber prima und im Nu ist die Stromschnelle passiert.

Um 15h30 geht’s weiter. Wir möchten zum Byglandfjord. Die Westseite ist die schönere Seite zum Befahren. Eine relativ schmale Strasse führt dem See entlang und es sieht sehr schön aus. Das Wetter ist gut, die Sicht super – was will man mehr. Hier soll es schöne Plätzchen zum Stehen mit dem Camper geben, aber wir finden es nicht so einfach etwas zu finden. Es gibt viele private Wege, immer wieder Häuser, Bootanleger und wenig Platz am Strassenrand. Und auf einmal haben wir unseren Platz gefunden! Ein Postkartenidyll und so wie man sich Skandinavien vorstellt. Leider viel zu früh verbirgt sich die Sonne hinter dem riesigen Felsen hinter uns. Es wird sofort merklich kühler, aber wir bleiben dennoch draussen. Um 17h30 Uhr beginnen wir zu kochen. Es gibt Reisresten und dazu grilliert Urs Steaks. Mmmh, das ist fein und Ferienstimmung kommt auf. Die Outdoorküche lieben wir und geniessen dies in vollen Zügen. Nach dem draussen Essen tätigen wir den Abwasch und bleiben so lange draussen, bis uns die Kälte in die Knochen kriecht. Jetzt schnell ins Autoinnere und die Heizung einstellen. Bald ist es kuschelig warm.

Sonntag, 6. September 2026 – Unterwegs in den Bergen

Wir haben wunderbar geschlafen. Kein Auto kam auf dieser Nebenstrasse. Wir entscheiden uns den Vormittag sicher hier zu verbringen, denn heute kommt vielleicht noch ein bisschen die Sonne und Morgen Montag wird es regnerisch. Am Mittag werden wir weiterfahren, denn es ist viel schöner bei nicht regnerischem Wetter auf Norwegens Strassen unterwegs zu sein und die Landschaft vorüber ziehen zu lassen. Der Morgen ist mit Lesen, Schreiben etc. schnell vorüber. Nun essen wir unser restliches Brot draussen an der frischen Luft. Es ist leider mehrheitlich bewölkt und ohne Sonne auch kühler. Um 12h30 fahren wir los. Es ist schön, dem See entlangzufahren.

Unterwegs entdecken wir so kleine Häuser mit Grasdächern auf Stelzen. Diese heissen Stabbur und sind traditionelle Vorratskammern von Südnorwegen. Sie prägen das Landschaftsbild. Sie stehen auf Stelzen oder Steinsockeln zum Schutz von Mäusen und Ratten und dann auch wegen der Belüftung. Die Luft unter dem Haus hält das Holz trocken und verhindert, das Feuchtigkeit vom Boden in die Vorräte aufsteigt. Heute werden nicht mehr hauptsächlich Korn, Mehl, Trockenfleisch etc. gelagert, sondern sie werden auch als urige Gästezimmer für Touristen genutzt. Manche Höfe nutzen sie weiterhin für Spezialitäten, wie zum Beispiel Spekekjott. (norwegischer Trockenschinken) und Flachbrot und Knäckebrot. Die Grasdächer sind eine jahrhundertalte skandinavische Tradition. Unter der Grasschicht liegt wasserdichte Birkenrinde. Die dicke Erdschicht und das Gras dienen als natürliche Isolierung, die das Innere im Winter warm und im Sommer kühl hält Das enorme Gewicht des nassen Grases drückt zudem die massiven Holzbalken zusammen und dichtet die Ritzen des Hauses windfest ab. Auch bei Wohnhäusern ist dies so. Bis ins späte 19. Jahrhundert war dies die universelle Standard-Dachbedeckung im ländlichen Skandinavien. Ein feuchtes Grasdach wiegt zwischen 250 und 400 kg pro Quadratmeter. Bei Holzhäusern aus massiven Blockbalken ist dieses Gewicht extrem wichtig. Die Ritzen zwischen den Stämmen verdichten sich automatisch, was Zugluft dauerhaft verhindert. Zudem halten die schweren Dächer auch bei Herbst und Winterstürmen. Im Winter blockiert das Dach die Kälte von aussen und bei Schnee auf dem Dach verstärkt sich dies noch. Im Sommer wird die Feuchtigkeit in der Erde durch das Gras verdunstet und dieser Prozess erzeugt Verdunstungskälte, die das haus im Sommer angenehm kühl hält. Heute wird als Abdichtung nicht mehr Birkenrinde verwendet, sondern moderne Kunststoffe oder Bitumenmembranen. Solche Grasdächer werden also immer noch nebst anderem gebaut. Unterwegs halten wir bei der hübschen Holzkirche von Rysstad. Sie ist offen und wir sehen uns in der gemütlichen Kirche um.

Kurz nach diesem Stopp biegen wir links ab und es geht stetig bergauf auf der Strassd337, dem Suleskarvegen. Dies ist die höchste Strasse im Südwesten Norwegens. Die Strasse führt zuerst zu einem Skigebiet. Unzählige Häuser mit Grasdächern warten auf Winterbesucher. Danach geht’s weiter hinauf in die karge Gebirgslandschaft. Die Strasse ist je nach Witterung ab Okt / Nov bis im Mai gesperrt. Uns gefällt es hier sehr gut.Auf 878 m ist es noch 8,5° warm. Die Strasse führt bis auf gut 1000 m. Weiter geht’s durch die schöne Landschaft von Steinen, moorigen Landschaften und Seen. An einem sehr schönen Aussichtspunkt halten wir erneut und trinken Kaffee und Tee. 

Die Strasse schlängelt sich durch eine wunderschöne Landschaft. Wir sind begeistert. Bei Sonnenschein würde sicher alles noch eindrucksvoller aussehen, aber auch schon jetzt gefällt es uns sehr gut. Wir möchten aber vor dem Regen noch nach Lysbotn. Die Strasse hinab, der Lysevegen, zum Fjord soll eine beliebte Serpentinenstrasse sein. Auf einer kurzen ca 6 km langen Strecke überwindet die Strasse gut 600 Höhenmeter in 27 engen Kurven. Im 1,1 km langen Lysetunnelen ist es dunkel und der Tunnel schraubt sich in einer 340° Spriale durch den Berg. Ursprünglich wurde die Strasse 1984 als Baustrasse für das Wasserkraftwerk angelegt.

Jetzt geht’s die 27 Harnadelkurven hinab. Leider geht es zwischen etlichen Strommasten hinab und man sieht eigentlich nicht viel. Die Strasse gefällt uns an sich nicht besonders, mehr der Bau an und für sich ist interessant. Unten angekommen, stehen wir bald am Lysbotnfjord. Dieser Ort ist im Winter nur mit der Fähre erreichbar. Es sind aber gut 2 – 3 Stunden Fahrzeit um aus dem Fjord zu kommen. Also per Strasse ist man im Winter völlig abgeschnitten von der Umwelt. 10 – 15 stetige Einwohner leben noch hier. Entweder arbeiten sie im Kraftwerk oder sind in der Touristenbranche tätig, welche sich unter anderem für die nächste Saison vorbereitet. Ja, da muss man der Typ dafür sein, wir wären es nicht.

Wir fahren wieder nach oben und finden einen Schlafplatz bei einem schönen Aussichtspunkt. Es beginnt zu regnen. Mittlerweile ist es kurz vor 19h und es gibt Abendessen. Ich gewöhne mich wieder an engere Verhältnisse beim Kochen. Auch das von Hand abwaschen wird die nächsten Wochen unser Thema sein. Beim Unterwegssein mit dem Wohnmobil lernt man auch sparsam mit dem Wasser umzugehen und das ist ganz gut so.

Montag, 7. September 2026 – Regentag im Auto

Wir bleiben lange im kuscheligen Bett unter der warmen Decke. Der Regen prasselt auf unser Dach, dies stört uns aber nicht. Ein Tag Ruhepause tut uns gut. Wir möchten so einiges erledigen. Nach dem Aufstehen bin ich am Notebook und Urs am Tablet. Nebel zieht auf und alles ist verhangen. Heute wird die schöne Strasse durch die Berge kaum benutzt. Im Auto ist es gemütlich und das schlechte Wetter stört uns nicht. Zum Mittagessen bereite ich einen Waffelteig zu und wir essen genüsslich Speckwaffen. Jetzt hat es kurz aufgehört zu regnen und die Sonne drückt sogar ein wenig.

Am Nachmittag tätigen wir zwei Videoanrufe und es ist eine schöne Möglichkeit Familie und Freunde auf diese Art und Weise zu sehen und zu hören. Nach dem Abendessen kommunizieren wir per Videoanruf noch mit Frank und Lis. Sie sind in Spanien unterwegs. Knapp 3000 km trennen uns. Währenddem sie draussen sitzen nach einem heissen schwülen Tag, sind wir im beheizten kuschligen Auto nach einem Regentag bei 8°. Und dies alles in Europa! Morgen werden wir unseren schönen Platz in den Bergen verlassen.

Dienstag, 8. September – Grösstes Geröllfeld Nordeuropas

Es regnet nachts immer wieder, auf jeden Fall dann, wenn ich wach war. Am Morgen werfe ich schnell einen Blick durchs Fenster der Hecktüre. Für einen kurzen Moment sehe ich ein Stück blauen Himmel, aber dieser Moment dauert nicht lange. Immer wieder entladen die Wolken Regenschauer. Wir stehen auf und frühstücken. Auf einmal kommt die Sonne und ich lasse alles liegen und eile hinaus mit meiner Kamera in der Hand. Ich laufe ein paar Steine hoch und die Landschaft sieht einfach traumhaft aus. In der Ferne sehe ich einen schwachen Regenbogen. So schön! Wenn man diese wenigen Sekunden verpasst, ist die Sonne wieder weg und kommt nicht so schnell wieder. Ich bin dankbar für diesen einen Moment. Es ist bereits kurz vor halb eins, bis wir abfahren.

Es geht einige Kilometer zurück, bevor wir rechts abbiegen können. Vor uns fährt ein Tiertransporter. Der Lastwagen bringt zig Schafe vom Gebirge ins Tal hinab. Man weiss ja nie, wenn der Winter eintritt und die Strasse geschlossen wird. Wir konnten in den Bergen beobachten, wie mit Hunden die Schafe zusammengetrieben und gesammelt werden. Dies ist eine jahrhundertalte lebendige Kulturtradition. Jedes Jahr in September kommen Landwirte, Familien und unzählige Freiwillige zusammen, um die Tiere vor dem Wintereinbruch sicher aus dem Hochgebirge in Tal zu bringen. Rund zwei Millionen Schafe verbringen den Sommer über völlig frei und unbeaufsichtigt in den Bergen. Da die Schafe verschiedener Bauern den Sommer über zusammengewachsen sind und riesige Gebiete durchstreifen, arbeiten die Farmer einer Region eng zusammen. Es werden Teams gebildet und die riesigen Bergareale systematisch aufgeteilt. Menschliche Ketten laufen durch das Fjell, um die Schafe aufzuspüren. Gut ausgebildete Schafhunde sind unerlässlich. Sie laufen kilometerweite Wege, um verirrte Tiere aus Felsspalten oder Senken zu holen und zur Hauptgruppe zu treiben. Sobald ein paar Schafe anfangen ins Tal zu laufen, schliesst sich der Rest der Herde instinktiv an. Die Schafe werden über kilometerlange Strecken talwärts getrieben. In Regionen wie Sirdal in Südnorwegen kommen so oft über 40 000 Tiere auf einmal von den Hochebenen. An einem grossen zentralen Sammelplatz im Tal beginnt der arbeitsintensivste Teil. Die Tiere werden über die Ohrmarken geprüft, sortiert und den verschiedenen Bauern zugeortnet.

Die Strasse 45 verläuft durch ein Tal. Links und rechts der Strasse sind hohe Felswände und überall plätschert es und Wasser läuft hinab, mal von weit oben, mal weit unten. Ich nenne dies das «Tal der Wasserfälle». Norwegen ist landschaftlich einfach ein wunderschönes Land! Zum Fotografieren eignet es sich grossartig und macht richtig Freude.

Einen Abstecher unternehmen wir zum grössten Geröllfeld Nordeuropas. Wir sind mitten im Gloppedalsura Magma Geopark. Auf einem Parkplatz kann man das Auto abstellen und sich anhand von Tafeln informieren. Das Feld besteht aus einer etwa 100 Meter dicken Schicht aus Gesteinsbrocken, die vor rund 10 000 Jahren nach der Eiszeit von den Bergen herabstürzten. Während des zweiten Weltkrieges dienten diese Felsen norwegischen Soldaten als natürliche Festung gegen die Invasoren. Wieder eine spannende Geschichte. Wir lassen auch für einen Moment die Drohne über das Feld fliegen. Nun ist es 15h20 und wir verlassen das Geröllfeld. Eigentlich brauchen wir noch Wasser und Diesel. Diesel bekommen wir an der nächsten Tankstelle, aber Wasser finden wir momentan noch nicht zum Auffüllen. Neben der Tankstelle gibt es einen Lebensmittelladen und wir kaufen noch ein paar Dinge ein. Mit einer 5 Liter Wasserflasche kommen wir bis Morgen auch über die Runden. Nun ist es 16h10 und wir fahren Richtung Fähre Lauvvika nach Oandes. Es ist vielleicht einfacher noch vor der Fährüberfahrt einen Übernachtungsplatz zu finden, denn auf der anderen Seite ist die vielbesuchte Touristenatrtaktion «Preikestolen». Wir werden an der Strasse Holeveien fündig. Zum Abendessen koche ich Hackfleisch mit Gemüse und Stocki. Danach verbringen wir den Abend am Notebook und Tablet.

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