Baltikum 8 – Im Osten südwärts

Dienstag, 28. Juli 2020

Heute Morgen lassen wir uns Zeit mit der Abfahrt. Wir haben Glück und die Sonne scheint wieder. Nun ist eine Routenplanung angesagt. Wohin sollen wir fahren? Wir könnten in den Westen Lettlands oder mehr südöstlich Richtung Litauen fahren. Estland werden wir uns in einem anderen Jahr anschauen. Die gewittrige und eher unbeständige Wetterlage liegt über ganz Lettlnad und Litauen, es ist also egal wo wir hinfahren. Wir entscheiden uns für den Osten und so verlassen wir erst um 13:45 Uhr den Picknickplatz. Als erstes Ziel steuern wir die Gedenkstätte in Salaspils an. Ein Betonquader liegt quer vor dem Gelände auf dem übersetzt steht: Hinter diesem Tor stöhnt die Erde. Dann stehen wir auf einem Betonplatz. Links liegt ein schwarzer Kasten aus Marmor, welcher aussieht wie ein riesiger Sarg. Aus diesem Kasten pocht ein Metronom. Die dumpfen Schläge erinnern an Herztöne und sind auf dem ganzen Gelände zu hören. 1941 – 1944 standen hier 39 Baracken eines Lagers unter der Regie deutscher Nationalsozialisten. Tausende von Menschen fanden hier durch Krankheit, Hunger oder Erschiessen den Tod. Man fand hier auch ein Grab mit über 600 Kinderleichen. Riesige Steinfiguren symbolisieren das Leid der Opfer. Es ist eine berührende Gedenkstätte.

Gegen Abend überqueren wir die Grenze zu Litauen und kommen zu einem 30 m hohen Aussichtsturm, von dem wir einen schönen Blick auf viele kleine Karstseen haben. Ein Weg führt zwischen den Seen hindurch und Picknicktische laden zum Verweilen ein. Graue Regenwolken sind wieder im Anmarsch und wir schaffen es gerade noch ins Auto. Hier ist ein Kommen und Gehen der Touristen und wir suchen uns einen anderen Übernachtungsplatz. Dies ist aber gar nicht so einfach und so kehren wir schliesslich wieder auf den Parkplatz beim Turm zurück. Wir verbringen mit einem polnischen Bus und einem deutschen Wohnmobil eine ruhige Nacht.

Mittwoch, 29. Juli 2020

Der erste Stopp heute ist in Birzai bei der Seebrücke aus Holz, welche 500 m zur anderen Seeseite führt. Es windet ziemlich stark auf der Brücke, aber es sind einige Spaziergänger, Velofahrer und Jogger unterwegs. Wieder beim Auto werden wir auf Deutsch angesprochen: Was macht jemand aus Hallau hier in Lettland? Wieso weiss dieser Mann, dass wir aus Hallau kommen? Der Nummernschildhalter unserer Autogarage hat uns verraten. Der Mann entpuppt sich als Stühlinger, der aber schon seit 4 Jahren in Litauen lebt.

Wir verabschieden uns und fahren südwärts zur ältesten Eiche Litauens und eine der ältesten Eichen Europas. Mit 3,50 m Durchmesser, 13 m Umfang und 23 m Höhe eist es in mega stattlicher Baum! Die Äste müssen um Teil abgestützt werden. Die Bäume nebenan wirken daneben wie dünne „Stängeli“. Die Holzkirche könnte man gegen eine Gebühr auch besichtigen. Die Fahrt hierher war sehr schön und ländlich. Hübsche Holzhäuser, Felder und Wiesen säumen die schmale Asphaltstrasse. Störche suchen nach Essbarem auf den frischgemähten Wiesen, hocken in ihren Nestern oder zeigen ihre Flugkünste. Den gleichen Weg geht’s wieder zurück und ein Stück weiter südlich zur alten Mühle. Auch hier sind die Touristen und Einheimische zu finden. Die Mühle kann, für schweizer Verhältnisse nicht ganz SUVA-konform, besichtigt werden. Im Anschluss kaufen wir einige Kilos Mehl. Nun möchten wir uns einen schönen Übernachtungsplatz an einem See in der Einsamkeit suchen. Wir finden einen Picknickplatz im Wald am See. Schnell sitzen wir draussen an der Sonne, aber der Wind machts empfindlich kühl und bald kommen die Wolldecken zum Einsatz. An ein Bad im See denken wir nicht ansatzweise, auch ist das Ufer recht schilfig. Wir kochen uns ein gutes Abendessen im windgeschützten Auto und lassen den Abend mit einem Film ausklingen.

Donnerstag, 30. Juli 2020

Heute verlassen wir unseren Schlafplatz bereits um 9.30 Uhr. Das ist für uns tatsächlich schon eine Steigerung! Mit 16° und Wind ist es immer noch kühl und die Klimaanlage kommt nicht zum Einsatz. Wieder fahren wir auf Nebenrouten südwärts und uns begegnen schöne Holzhäuser mit blumengeschmückten Gärten. Auf diesen Nebenstrassen sieht man viel mehr vom Land, dafür kommt natürlich nicht so schnell voran. Wir durchfahren den Nationalpark Aukstaitija. Dieser besteht aus viel Wald und Seen. Unsere erste Aufmerksamkeit gilt der Ginuciai Wassermühle. Bis 1968 war sie in Betrieb und diente der Herstellung von Mehl und der Stromerzeugung. 1978 wurde die Mühle aus dem 19 Jhd. restauriert und ist heute ein technisches Denkmal aus dem 19. Jdh.

Wir entdecken noch einen Aussichtsturm, von dem wir einen Blick über die Wälder und Seen haben. In einem Prospekt über den Nationalpark lese ich von einem traditionellen Dorf dieser Gegend. Das Dorf Suminai findet das Navi schon gar nicht, aber anhand weiterer Karten finden wir es. Die schmale Schotterstrassse, zum Teil mit Wellblechcharakter, führt durch den Wald. Links und rechts des Strässchens ragen die Tannen in die Höhe. Wo kommen wir da hin? Irgendwo im Nirgendwo, wo sich „Fuchs und Hase“ gute Nacht sagen. Ein Ortsschild weist auf das Dorf hin, aber parkieren kann man nirgends. Eine kleine Ansammlung von hübschen Holzhäusern, sandiger unebener „Dorfstrasse“, Trocken-WC Häuschen und schönen Gärten erwartet uns. Unser Auto ist irgendwie fehl am Platz und wir wissen damit nicht wohin. Wenn wir mit Pferd und Wagen gekommen wären, hätte dies eher in die Szene gepasst. Wir lassen das Auto auf der Sandwiesenstrasse stehen und lassen unsere Blicke auf die Holzhäuser schweifen. Ob diese immer bewohnt sind oder als Ferienhäuser genutzt werden wissen wir nicht. Man kommt sich vor wie in einem Freilichtmuseum.

Auf gleichem Weg geht’s durch den Wald zurück und wir kommen nach Paluse. Hier sehen wir uns eine hübsche, aber geschlossene Holzkirche an. Wieder entdecken wir den sitzenden mit dem Kopf aufgestützen Jesus. Diese Darstellung von Jesus haben wir zu Beginn unserer Reise im Holzskulpturenmuseum sehr oft gesehen. Auf dem nahen Picknickplatz machen wir einen Mittagessenshalt. Nun ist der Himmel dunkelgrau und es dauert nicht lange und es schüttet wie aus Kübeln. Wie sind wir doch froh um das Autodach über dem Kopf.

Wir verlassen den Nationalpark und lassen die Nebenstrassen hinter uns. Zügig geht es nun weiter Richtung Süden, denn heute möchten wir noch Polen erreichen oder zumindest nahe der Grenze sein. Um 18:30 Uhr sind wir genug gefahren und wir übernachten nochmals in Litauen auf dem Picknickplatz, auf dem wir zu Beginn unserer Litauenreise schon übernachteten. Der Unterschied ist nur, dass der See bei knapp 20° und Wind nicht so zum Baden einlädt. Zusammen mit zwei Kastenwagen aus Deutschland verbringen wir hier eine ruhige Nacht.

Freitag – Sonntag, 31. Juli – 2. August 2020

Wir können es leider nicht mehr hinauszögern, wir müssen die Heimreise antreten. Am Freitag fahren wir nach 9 Uhr los und sind 20 Minuten später an der Grenze zu Polen. Zügig geht’s nach Augustow, aber dann entscheiden wir uns für einen anderen Weg als bei der Hinreise. Unterwegs kommen wir in Tykocin an einer Burg aus dem 15. Jhd. vorbei. Im 18. Jhd verfiel sie zur Ruine und wurde im 2002 wieder restauriert.

Wir fahren Richtung Warschau, dann weiter Richtung Wroclaw und Dresden. Unterwegs bemerkt unser Überwachungssystem des Autos, dass der Luftdruck in einem Pneu zu niedrig ist. Wir halten an, messen und pumpen nach. In diesem Atemzug nehmen wir wahr, dass unsere Pneus in diesen Ferien merklich gelitten haben. Die Schotterstrassen und Waldsträsschen haben ihre Spuren hinterlassen. Vielleicht wären da All-Terrain Pneu die bessere Wahl. Weiter geht unsere Fahrt. Es gibt immer weniger Störche links und rechts der Autobahn, dafür wird es immer sonniger und wärmer. Das Thermometer zeigt nun 27° und wir suchen um ca. 18 Uhr nach einem Übernachtungsplatz in Polen an einem See, in der Hoffnung ein Bad nehmen zu können. Wir finden auch den im Navi eingegebenen Platz, fühlen uns aber derart unwohl und deplatziert, dass wir bald wieder abfahren. Hier kommen nämlich die Polen mit Wohnwagen und Zelten und belagern den See um zu fischen. Ein frohes Treiben und es kommen immer mehr Polen mit und ohne Wohnwagen, dafür mit Kühlboxen und allem was man für ein Campingwochenende alles braucht. Wir fahren auf Schotter wieder zurück und gelangen schlussendlich wieder auf die Autobahn. Es ist nicht so einfach einen Platz zum draussen sitzen und schlafen zu finden und so fahren wir bis nach Deutschland. Den ersten Platz den wir ansteuern, ist verlassen und anmelden kann man sich auch nicht, aber auf dem Nächsten haben wir mehr Glück. Nicht der Traumplatz, aber wir sind nach der langen Fahrt froh etwas gefunden zu haben. 898 Km waren wir heute unterwegs, aber dies war eigentlich nicht ganz so geplant gewesen.

Am Samstag kommen wir gut voran, erreichen Dresden, Chemnitz und Nürnberg. Heute möchten wir nicht lange fahren, so dass wir noch einen schönen Nachmittag und Abend verbringen können. Wir fahren den Stellplatz in Helmbrechs an, auf welchem wir schon auf der Hinreise übernachtet haben. Dieser ist jedoch voll und die Leute aus der Umgebung strömen zu ‚ihrem‘ Badesee. Auf einem der Stellplätze steht immer noch der gleiche Wohnmobilist, den wir schon vor 3 Wochen getroffen hatten – ja, das ist wohl nicht ganz der Zweck von solchen gratis Plätzen…

Die Fahrt geht also weiter. Das Thermometer klettert auf 36°. Die Klimaanlage arbeitet viel und gut. Wir haben Merkendorf als unser Übernachtungsziel einprogrammiert. Der Platz liegt an einem kleinen Badeweiher. Am frühen Nachmittag treffen wir ein und hoffen einen freien Platz zu finden. Auch hier scheinen die Leute eine Abkühlung zu suchen. Dementsprechend gut ist der Parkplatz besetzt. Eine benachbarte Wiese steht auch schon sehr voll mit Wohnmobilen und -wagen. Wir finden einen super Platz für unseren Cali auf dem regulären Stellplatzteil. Schnell sind die Stühle rausgenommen und die Badehosen montiert. Es sind nur wenige Meter bis zum Weiher… aahh, tut das gut. Wir geniessen unseren letzten Feriennachmittag in vollen Zügen. Mal auf unseren Campingstühlen, mal beim Coupe Essen im Badibeizli und dann wieder beim Baden. Von unserem Platz können wir auch Tiere beobachten. Ein Storch scheint auf dem eben abgemähten Feld neben uns etwas Leckeres zu finden. Etwas später entdecken wir eine kleine braune Maus, welche uns mit ihren Stecknadelaugen treuherzig anschaut und frisch und fröhlich etwas knabbert. Ursi kocht draussen unser Abendessen und wir geniessen bei Kerzenschein den Abend und machen ein Spiel. Ein Spaziergang durchs ‚Lager‘ zeigt, dass je grösser das Fahrzeug, desto weniger wird draussen gesessen. Alle Bus-, Dachzelt- und Kastenwagenfahrer sitzen ausnahmslos vor ihrem Fahrzeug und geniessen den lauen Abend. Von den Wohnmobilfahrern ist es lediglich einer…

Trotz der vielen Camper war es eine angenehm ruhige Nacht. Wir trinken Kaffee und Tee und arbeiten an unseren Blogs, denn Zuhause werden wir wohl viel zu schnell wieder vom Alltag eingeholt. Danach heisst es die letzten gut 320 km unter die Räder zu nehmen.

2 Kommentare to “Baltikum 8 – Im Osten südwärts”

  1. Lis+Frank

    Bei uns blutet das Herz auch immer, wenn man zurückfahren muss. Am liebsten immer weiter, wäre das Motto, aber eben…😩
    Ja, wir würden unsere AT-Bereifung nicht mehr hingeben, aber wir haben ja auch nur 2WD…☺️ (Im Regen auf Asfallt sind sie aber schlecht)
    Gutes Heimkommen und viele positive Gedanken und Wünsche für den Wiedereinstieg!!!!
    😘😘😘

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